08. April 2029
Austin, Texas
USA
„Dieser Mistkerl!“. Jennifer war wütend. Seit zwei Tagen versuchte sie, ihren Vater zu erreichen. Seit zwei Tagen ging er nicht ans Telefon. War ihm vielleicht etwas zugestoßen?
Wohl kaum. Das hätte sie spätestens durch die Presse erfahren und wäre vermutlich auch längst damit beauftragt worden, einen rührseligen Nachruf für eines oder mehre Online-Magazine zu verfassen.
Vor einigen Tagen hatte die NASA im Rahmen einer Pressekonferenz die bemannte Forschungsmission zu Moros‘ Auge abgesagt. Das war eine große Sache. Solch einer Entscheidung mussten Erkenntnisse zugrunde liegen, die der Öffentlichkeit bislang verschwiegen wurden. Es gab nur einen, der Jennifers Vermutungen bestätigen konnte (und nach einiger Überredungskunst dazu bereit wäre) und das war Percy Williams, ihr Vater.
Sie legte das Telefon auf den Nachttisch, drehte sich um, rückte die Bettdecke zurecht und blickte auf den entblößten Rücken ihres Partners, Steven. Warum konnte er nur so ruhig dort liegen? Seit vier Monaten waren sie ein Paar und doch hatte sie immer noch große Schwierigkeiten damit, diesen Menschen zu verstehen. Die „großen Ereignisse“ der Welt schienen ihn nicht zu beeindrucken und er fokussierte sich ausnahmslos auf die Dinge, die ihn unmittelbar betrafen. In vielen Momenten hielt sie diese Eigenschaft für bewundernswert, in anderen brachte es sie zur Weißglut.
„Was soll ich denn jetzt nur machen?“ fragte sie seufzend in den Raum. Keine Antwort. „WAS SOLL ICH DENN JETZT NUR MACHEN?“ wiederholte sie ihre Frage, nur lauter. Steven schnaufte, drehte sich auf den Rücken und warf Jennifer einen irritierten Blick zu. „Es ist Sonntag, Jen. Du wirst absolut NICHTS machen, wie wäre es damit?“, polterte es mit müder Stimme von den Lippen des jungen Mannes.
Nichts. Davon machten die Menschen ihrer Meinung nach schon viel zu viel. So lange man seine persönlichen Lebensumstände für den Moment nicht bedroht sah, gab es für Viele scheinbar keinen Grund, sich mit der Zukunft oder dem Zerbrechen ebendieser auseinander zu setzen. Auch Steven gehörte zu diesem unbekümmerten Teil der Erdbewohner.
Aber nicht alle hatten so einen netten Hintern.
„Hör mal, ich finde es ja auch toll, dass Du Dich nur darum sorgst ob Du mich morgen noch bumsen kannst, aber bald gibt es wahrscheinlich kein MORGEN mehr, Steven!“. Sie wusste nicht, woher das kam und im Nachhinein erschien ihr der eigene Tonfall etwas zu aggressiv – aber vermutlich musste es einfach mal (wieder) gesagt werden. Einen Augenblick lang herrschte eine beunruhigende Stille im Raum und sie bekam zwischenzeitlich das Gefühl, es diesmal übertrieben zu haben – aber dann gab Steven ihr einen Kuss.
„Hey Baby, nun mach Dir nicht immer so nen Kopf! Was weiß ich, was morgen ist. Ich weiß aber, dass ich mir den Sonntag mit dem heißesten Girl in Texas dadurch nicht verderben lasse!“
In Texas? Weshalb diese Einschränkung? Egal. Steven war einfach. Einfacher als Jennifer und die meisten, die sie kannte. Vermutlich war das gut so.
Etwas Pelziges berührte Jennifers linke Hand, die schlaff vom Rand ihres Bettes herunter hing.
„Scotty, na Du kleiner Klops? Hast Du Hunger?“ fragte Jennifer, während sie ihren Blick nach unten richtete.
Scotty, das war Jennifers Kater. Ein Findling, den seine Katzenmutter nach der Geburt auf ihrer Auffahrt zurückgelassen hatte. Seit dem Tag, als Jen ihn wimmernd vor Ihrer Haustür aufgefunden hatte, waren die Beiden unzertrennlich. Sie fragte sich oft, ob Scotty das Ende der Welt erleben würde und ob es so etwas wie einen Katzenhimmel gab.
In einem waren alle drei in diesem Raum sich sehr ähnlich: Sie wussten nicht, was morgen war.
