12. April 2029

Double Tree Hotel

Washington, DC

USA

 

 

„Ist das der Grund, warum Du mich ignorierst?“

Mit einem halb geöffneten Auge erblickte Percy die Push-Mitteilung auf seinem Mobiltelefon. Er nahm sein Handy vom linken, noch unbenutzten Kopfkissen dieses fürchterlich bequemen Hotel-Doppelbettes und öffnete die Nachricht, die Jennifer ihm geschickt hatte. Daran war ein Video angehängt. Bereits das Vorschaubild ließ sein Herz für einen Moment stehen. „VERTRAULICH – Eigentum der NASA“.

„Woher zum verfickten Fick hat sie das?“ dachte er laut und verschluckte sich beinahe an seinen Gedanken.

„Ach ja, und bevor Du mir erzählst, es handelt sich um irgendeinen Eurer Testflüge: Ich weiß, die Aufnahme stammt von der Sparrow – und meine Quelle ist 100% vertrauenswürdig.

 

 

Im Gegensatz zu Dir.

Percy startete das Video.

Nachdem das Titelbild verschwand, startete eine neue Sequenz. Ein Datum wurde über dem Bild eingeblendet: „11.04.2029“ – Das war gestern! Auf dem sehr verrauschten Videobild selbst war sonst nichts zu sehen. Plötzlich tauchte in der Mitte ein weißer, verschwommener Fleck auf. Dieser Fleck wurde immer größer und nach kurzer Zeit erkannte Percy die Umrisse eben jenes Objektes, dass er und seine Kollegen auf dem Meeting im NASA Hauptquartier vorgestern erstmals zu Gesicht bekamen. Es musste sich bei diesem Video um Aufnahmen des Wanderers bei einem Vorbeiflug der Sparrow handeln. Auf dem Video wirkte es, als wäre die Sonde beinahe mit dem fremdartigen Objekt kollidiert – so dicht kam sie ihm. Wahrscheinlich entstand dieser Eindruck aber nur aufgrund der von der Sparrow verwendeten Teleobjektive. Im Anschluss gab es die Aufnahme eines weiteren Anfluges auf den Wanderer, diesmal aus einem etwas anderen Winkel.  Zum Ende des Videos wurden einige Standbilder gezeigt, auf denen die äußeren Eigenschaften des Objektes einfacher als im Bewegtbild zu erfassen waren.

Die Qualität des Videos war der des beim Meeting vorgestellten Bildes zwar nicht überlegen, durch die Nähe zum Motiv kamen aber weitere Details zum Vorschein.

Die Form des Wanderers ähnelte grob der eines Flugzeuges. Von dieser Ausgangslage aus versuchte Percy, die einzelnen erkennbaren Elemente einzuordnen. Das Raumfahrzeug verfügte über einen langgezogenen Rumpf, sowie über ingesamt zwei Tragflächen, die daran zu beiden Seiten montiert waren. An den Flügeln selbst wiederum waren zigarrenförmige Objekte zu erkennen, bei denen es sich entweder um ein Waffensystem oder, was Percy für wahrscheinlicher hielt, Triebwerke handeln konnte. Am äußeren Ende der Tragflächen waren jeweils zwei Winglets montiert, sowohl nach unten sowie nach oben gerichtet.

„Interessant.“, dachte Percy. Das Vorhandensein der Tragflächen in Kombination mit den Winglets ließ darauf schließen, dass der Wanderer atmosphärentauglich konzipiert wurde. Von wem auch immer. Allein anhand der Bilder konnte er aufgrund darauf fehlender Referenzobjekte nicht abschätzen, welche Ausmaße das Gefährt hatte. Auch im Meeting wurde nicht darüber gesprochen. Der Formgebung und dem Verhältnis der Tragflächen zum Rumpf nach schätzte er es auf eine ungefähre Länge von 50m. Das entsprach in etwa den Ausmaßen eines Space Shuttles, dem Raumfahrzeug, das Ende des 20. Jahrhunderts bei der NASA Verwendung fand.

Percy wählte Jennifers Nummer. Was immer sie auch mit diesem Video vorhatte, es würde sie und aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihn in große Schwierigkeiten bringen.

„Habe ich Dich also erfolgreich daran erinnert, dass Du eine Tochter in die Welt gesetzt hast, mit der man hier und da auch mal sprechen sollte?“ lautete die freundliche Begrüßung am anderen Ende der Leitung.

„Jen, es tut mir leid. Es war viel los in den letzten Tagen.“ Percy wusste, dass dies kein guter Zeitpunkt war, sein Verhalten rechtfertigen zu wollen und er beließ es bei dieser kurzen Erklärung.

„Dieses Video. Ich hoffe, Du hast es nirgends veröffentlicht oder einem Deiner Online-Magazine geschickt!“

Jennifer lachte. „So schätzt Du mich also ein, ja? Alles was ich im Leben so anstelle, mache ich nur für die ’nächste, große Story‘?“

Ja, das entsprach so ziemlich genau dem, was Percy von ihr und allen anderen Vertretern ihrer Branche hielt. Er antwortete jedoch „Nein, natürlich nicht. Es ist nur so, dass es Dir und mir großen Ärger bereiten könnte – und damit meine ich WIRKLICHEN Ärger, Jen. Keine Ahnung, was die Regierung für Konsequenzen aus so einer Sache ziehen würde, aber im Zweifel entscheidet sie sich vermutlich eher für zwei Leichen als für eine Massenpanik.“ Percy hörte sich nicht nur besorgt an, er war es auch.

„Hast Du das Video überhaupt gesehen? Keine Panik, Dad.“

„Wie meinst Du das?“ fragte Percy.

„Nun, es wird anhand des vorhanden Materials ja gar nicht ersichtlich, dass es von der Sparrow in der Nähe des schwarzen Loches aufgenommen wurde. Damit blitze ich bei jeder Redaktion ab.“

Das erleichterte Percy, wenn auch nur wenig. Wer aber hatte Jennifer neben dem eigentlichen Video auch noch dessen Kontext serviert? Und warum war diese Quelle laut ihrer Aussage so vertrauenswürdig? Diese Fragen bohrten sich in Percys Schädel. Er wusste, dass er darauf von seiner Tochter keine Antwort erhalten würde. Er fragte sie trotzdem.

„Wie sagtest Du einst? Ich bin ein erwachsener Mann, Jen. Ein erwachsener Mann mit ganz eigenen, erwachsenen Geheimnissen! Nun, Dad – Ich bin eine erwachsene Frau mit eigenen, ganz erwachsenen Geheimnissen.“ Jennifer lachte überlegen. Percy blickte verzweifelt auf das Telefon. Es machte ihn wahnsinnig. Der Informant, wer auch immer es war, würde mit Sicherheit weitere Geheimnisse an sie ausliefern. Früher oder später brächte sie beide das in Gefahr. Früher oder später käme heraus, dass sie für die Veröffentlichung irgendwelcher, viel zu brisanter Leaks verantwortlich war. Es sollte, nein es durfte nicht so kommen.

„Hör mal Jen. Wir sollten uns treffen und in Ruhe darüber reden.“ Er entschied sich für eine Offensive. „Wenn Du mir versprichst, dass Du mit den Informationen keinen Blödsinn anstellst, kann ich Dir weitere Details verraten. Aber nur, wenn Du es mir hoch und heilig versprichst.“

Jennifer lachte wieder. „Was solltest Du mir verraten können, dass ich nicht auch aus meinem Informanten kitzeln könnte?

„Wie wäre es mit den ersten Worten einer außerirdischen Intelligenz an uns Menschen?“

Stille. Percy hatte das Duell in genau diesem Moment gewonnen und es war ihm bewusst.

„Morgen vormittag, bei Dir. Bist Du gerade in Washington?“ fragte Jennifer. Von Überlegenheit war in ihrer Stimme jetzt nichts mehr zu spüren.

„Ja.“

„Ich nehme mir heute Abend einen Flug. Verarsch mich nicht!“

Percy hatte den Deal vorgeschlagen, nun musste er ihn auch durchziehen. „Nein.“, antwortete er.

„Ich schreibe Dir später noch wegen der genauen Uhrzeit. Bis dann, Dad.“ Jennifer legte auf. Mit einem Blick, der Tauziehen zwischen Ratlosigkeit und Wut spielte, legte Percy das Handy zur Seite.

„Bis dann, Jen.“

Begleitende Informationen

Winglets

Winglets bzw. Sharklets (Bezeichnung für Winglets bei Airbus) sind meistens nach oben und seltener nach oben und unten verlängerte Außenflügel an den Enden der Tragflächen von Luftfahrzeugen. Sie sorgen für eine bessere Seitenstabilität, verringern den induzierten Luftwiderstand und verbessern so den Gleitwinkel sowie die Steigzahl bei niedriger Geschwindigkeit.