07. April 2029

„Verdammte Scheiße, Jim! Hast Du es nicht für nötig gehalten, uns vorab zu informieren? Ich habe mein ganzes Leben für diese Sache weggeworfen!“

Percy war kaum zu halten. Zitternd hielt er das Telefon in der Hand. Es hatte einiges an Überwindung gekostet, diesen Anruf zu tätigen – nach mehreren Stunden des Ringens mit sich selbst (und manches Glas Whiskey später) stand allerdings fest: Entweder würde Percy seinen Frust an jemandem auslassen oder er würde in einer gigantischen Supernova explodieren.

„Ich möchte, dass Du Dich jetzt erst mal beruhigst, Percy. Es steckt etwas mehr dahinter als die Pressekonferenz gestern.“ antwortete Jim, weniger aufgebracht, weniger laut.

Jim, oder eigentlich James Frederick Cornwall, war kein Geringerer als der seit 2024 eingesetzte Leiter der NASA. Er und Percy standen sich von Beginn seiner Karriere an sehr nah. James, selbst ehemaliger Astronaut und wiederkehrendes Besatzungsmitglied der ISS, war an jedem Schritt zur Vorbereitung der Mission zu Moros‘ Auge aktiv beteiligt. Er kannte die Sorgen und Nöte der Besatzung und wusste, auf welche Details es bei einem solchen Vorhaben ankam.

„ICH MICH BERUHIGEN? Sag mir, Jim – Wie soll ich mich beruhigen? Ich trainiere, ich reiß mir den Arsch für Euch auf und nun das: Keine Frau, keine Familie und KEINE MISSION!“

Stille.

„Doch eine Mission.“ sagte Jim.

Percy stutzte und machte dabei vermutlich eines der spektakulärsten Gesichter des Jahrhunderts. „Was meinst Du mit DOCH eine Mission? Ihr habt doch gestern alles abgeblasen!“. Percys Lautstärke reduzierte sich ein wenig und ihm wurde bewusst, dass weiteres Geschreie vermutlich nicht zu einer zufriedenstellenden Antwort führen würde.

Percy hörte Jim seufzen, bevor dieser zur Erklärung ansetzte: „Das, was ich Dir jetzt sage, erzähle ich der Crew OFFIZIELL bei unserem Meeting übermorgen – also halt Deine Klappe, hörst Du?“. Percy nickte, auch wenn ihm eigentlich hätte bewusst sein müssen, dass Jim das Nicken nicht sehen konnte.

„Die Sonde, die wir vor zwei Jahren losgeschickt haben, Sparrow, hat neue Ergebnisse gebracht. Sie ist noch nicht an dem grauenvollen Ungetüm angekommen, aber wir wissen immerhin mehr als zuvor.“

Sparrow. Eine Forschungs-Sonde, die NASA, ESA und CNSA gemeinsam entwickelt und 2027 auf die Reise geschickt hatten, galt als Vorbereitung seiner eigenen, bemannten Forschungsmission zu Moros‘ Auge. Ursprünglich war geplant, die bemannte Forschungsmission nur wenige Monate nach dem Start der Sparrow zu entsenden. So hätte sie als Späher dienen und rechtzeitig auf eventuelle Gefahren hinweisen können. Leider kamen Politik und eine allgemeine Hysterie dazwischen. Selbst im Angesicht der drohenden Vernichtung stritten Menschen über das Budget einer solchen Mission und dessen Verteilung auf verschiedene Nationen. Es ging ums Geld – wie immer.

„Was für neue Erkenntnisse?“ fragte Percy.

„Die Menschheit steht scheinbar vor ihrem Ende. Das dürfte selbst Dir bei all Deinen persönlichen Problemen nicht entgangen sein. Vor einigen Wochen stieß die Sonde auf Ihrer Reise zum Saturn-Sektor jedoch auf ein Objekt, dass unsere bisherige Beurteilung der Situation über Bord werfen könnte.“

Percy dachte kurz über diese Worte nach. „Was meinst Du damit: Über Bord werfen? Ist die Erde also doch nicht dem Untergang geweiht?“

Jim holte hörbar tief Luft. „Das wissen wir nicht. Und weil wir es nicht wissen, macht es wenig Sinn, der Menschheit falsche Hoffnungen zu unterbreiten. Das Objekt…“ Jim stoppte. „Versprich mir, dass Du NIEMANDEM davon erzählst!“

Percy dachte einen Moment nach. Was sollte es schon geben, dass er niemandem erzählen dürfte? Andererseits gab es gefühlt auch niemanden mehr, dem er intime Informationen anvertrauen konnte – bis auf Jennifer, seiner Tochter. Dass Jennifer als freie Journalistin arbeitete war in „geheimen Angelegenheiten“ der vergangenen Jahre schon öfters Thema vieler Diskussionen, aber Percy hatte sich mühevoll einen Ruf erarbeitet, stets „der Sache“ zu dienen und seine Tochter nicht mit Informationen zu füttern, die eigentlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten.

„Ich verspreche es.“ antwortete Percy.

„Es kommuniziert mit uns.“

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