09. April 2029
NASA Hauptquartier
Washington D.C.
USA
„Ist das ein Fucking Scherz, Jim?“
Percy warf seinen Kugelschreiber vor sich auf den Besprechungstisch, um den die gesamte Crew der gecancelten Moros‘ Auge-Mission, sowie einige ihm unbekannte Leute Platz genommen hatten.
James schüttelte den Kopf. „Nein, Percy, ist es nicht. Der Kongress steht nicht so auf Pointen, die ihn 30 Milliarden US-Dollar kosten. Wenn Du mit Deinen Kommentaren vielleicht warten würdest, bis wir Euch alles erklärt haben?“
Der Raum wurde leicht abgedunkelt und das Bild des Beamers projizierte eine Ansammlung von Zahlenwerten und Diagrammen an die Wand. Jetzt begann also der langweilige Teil des heutigen Vortrages. James zog einen Laserpointer aus seiner Hosentasche und zeigte damit auf eine ansteigende Kurve.
„Die Sparrow liegt deutlich vor dem Zeitplan. Auf diesem Diagramm seht ihr den Verlauf des Schwerkraftfeldes, dem die Sonde im Laufe ihres Fluges zu Moros‘ Auge in den letzten 4 Monaten ausgesetzt war.“
Ein Mann mit militärischem Haarschnitt und einem von tiefen Lachfalten durchzogenen Gesicht meldete sich zu Wort. Bei diesem Mann handelte es sich um Gregory Morris, dem Kommunikationsoffizier der ursprünglichen und allem Anschein nach auch jener Mission, die heute besprochen wurde. „Das hätten wir bei unserer Planung beachten sollen. Die steigende Anziehungskraft des Objektes auf die Sonde lässt sie zusätzlich beschleunigen, nicht wahr?“
„Richtig.“, bestätigte Jim. „Wir wussten allerdings nicht, wie weit das Schwerkraftfeld des schwarzes Loches, oder womit auch immer wir es hier zu tun haben, reichen würde. So wie wir es verstehen, wirkt die Gravitation schwarzer Löcher in unmittelbarer Nähe am stärksten, nimmt mit zunehmender Entfernung aber rapide ab.“
„Für unsere Sonde scheint es ja gerade noch zu reichen.“ meinte Percy und war sich völlig darüber im Klaren, dass er Jim mit diesem unnötigen Kommentar nervte. Sein anschließendes, breites Grinsen war da nur das Sahnehäubchen.
„Genau. Vor ziemlich genau zwei Wochen meldete sich das Annäherungsradar der Sparrow. Es hatte ein Objekt erfasst, dass sich auf die Flugbahn der Sonde zubewegte. Wir leiteten dann eine geringfügige Kurskorrektur ein. Zu diesem Zeitpunkt gingen wir davon aus, dass es sich bei dem Objekt um einen Kometen oder Kleinstasteroiden handeln könnte, von dem bei unserer Missionsplanung keine Daten vorlagen.“
Jim machte eine Handbewegung in Richtung von Philipp Ashcroft, dem Leiter der Sparrow Mission. Er saß Percy gegenüber, am anderen Ende des Besprechungstisches.
„Am besten erklärt Dr. Ashcroft Euch, was dann passiert ist. Philipp?“
Philipp erhob sich von seinem Platz und ließ sich den Laserpointer von Jim überreichen.
„Guten Morgen, Gentlemen. Ich möchte direkt fortfahren, es sei denn jemand von Ihnen muss kurz austreten?“ Er blickte in die Runde und niemand meldete sich. „Einverstanden. Machen wir also weiter! Die Sparrow verfügt über ein Not-Stopp-System, das die Sonde selbstständig zum Halten bringt, wenn bei gleichbleibender Reisegeschwindigkeit eine unausweichliche Kollision bevorsteht. Dieses System schlug wenige Stunden nach unserer Kurskorrektur an. Eine Auswertung des Radars ergab dann, dass unser zuvor festgestelltes Hindernis auf unsere veränderte Flugbahn reagiert und seine eigene entsprechend angepasst hatte.“
Ein Raunen ging durch den Raum.
Ashcroft nickte. „So ähnlich wie Sie haben wir auch reagiert. Wir mussten schnell entscheiden, was zu tun sei – da blieb leider keine Zeit für Absprachen mit einer der beteiligten Regierungen.“ Er lächelte, sichtbar stolz über diesen „rebellischen“ Akt seines Teams. „Wir entschieden uns gegen eine Wiederaufnahme des Fluges und ließen die Sonde um 180° rotieren. So konnten wir regelmäßige Bremsschübe durch das Ionentriebwerk abgeben, um dem Einfluss durch die Schwerkraft von Moros‘ Auge entgegen zu wirken.“
Percy nickte anerkennend. Man wollte die Sonde also an Ort und Stelle halten, damit das sich nähernde Objekt einfacher dort hin navigieren konnte.
Ashcroft rief eine neue Präsentationsfolie auf. Darauf waren mehrere Auswertungen des Annäherungsradars der Sonde zu sehen.
„Hier sehen Sie, wie sich das unbekannte Objekt unser Sonde nach ihrem Stopp über einen Zeitraum von beinahe drei Tagen nähert.“
„Wir haben es in letzter Zeit mit zu vielen unbekannten Objekten zu tun, Jim.“ Percy blickte amüsiert zu seinem Chef herüber. Dieser verdrehte die Augen und ließ seinen rechten Mittelfinger subtil in Percys Richtung aufblitzen. „Bitte, Dr. Ashcroft, fahren sie fort!“
„Gern, James. Im Team bezeichnen wir das Objekt übrigens als den ‚Wanderer‚. Sobald es Ihren Namen erfährt, können sie ja einen auf ihre Bekanntschaft heben, Mr. Williams.“ Percy schwieg.
„Wie auch immer. Am vierten Tag konnten wir einen visuellen Kontakt herstellen.“ Die Radar-Diagramme verschwanden und ein Bild erschien. Darauf war ein verschwommenes, helles Objekt vor schwarzem Hintergrund zu erkennen. „Leider sind unsere Kameras nicht für solche kurzen Distanzen ausgelegt, daher die Unschärfe. Wir versuchen noch, den Systemen etwas besseres Material zu entlocken.“
Gregory Morris meldete sich zu Wort: „Sicher, dass es sich nicht doch nur um einen eigenartig geformten Stein handelt, dessen Flugbahn einfach nur willkürlich vom Gravitations-Chaos des schwarzen Loches getrieben wird?“
„Sicher? Mit allem Respekt: Wir wissen, dass es sich dabei nicht nur um einen… ‚Stein‚ handelt, Mr. Morris. Als der Wanderer in Reichweite war, konnten wir mit unserem Laserspektroskop feststellen, dass seine Oberfläche aus einer Ferrotitan-Legierung besteht, die eindeutig künstlichen Urspungs sein muss. Aber das Highlight kommt erst noch!“
Percy wusste schon, welches Highlight Ashcroft gerade ankündigte. „Es kommunizert mit uns.“ Das hatte Jim ihm vor zwei Tagen am Telefon gesagt. Nur das. Mehr nicht.
Natürlich ließ es sich der Leiter der Sparrow-Mission nicht nehmen, bei seinem Vortrag einem gewissen Spannungsbogen folgen zu wollen.
„In weiser Voraussicht hatten wir das Radio verschiedene Frequenzbereiche abtasten lassen, bis unsere Analysten auf einer bestimmten Frequenz Muster erkannten, die allem Anschein nach die Eigenschaften verbaler Kommunikation besaßen.“ Ashcroft machte eine Pause, um die Worte wirken zu lassen.
„Es… es spricht mit uns?“ fragte Gregory.
„Es spricht mit uns.“ antwortete Ashcroft.
Percy beugte sich in seinem Stuhl nach vorn und starrte auf das verschwommene Foto. „Was sagt es?“
