08. Oktober 2029
Bear Inn Pub, Oxford
Großbritannien
Ein Mann mit schütterem Haar und altmodischem Anzug betrat den Raum. „Tut mir leid Jungs, ich bin auf der Landstraße steckengeblieben.“
Ein anderer Mann mit voller, tiefbrauner Haarpracht, der zusammen mit vier weiteren Männern und einer Frau über einem vollgekritzelten Blatt Papier hockte, blickte auf.
„Kein Problem Jeff, setz Dich einfach. Ich erkläre es gern noch mal für alle.“
„Danke, Mike.“. Jeff Berkley war Physiker und Mitglied der Oxford Astronomy Society – Einem Verein, in dem es oft um das Trinken von Bier, manchmal auch um Astronomie ging. Einige Mitglieder dieser Vereinigung hatten sich an diesem Abend im Bear Inn, einem Pub im Herzen der Stadt, eingefunden um eine vorgebrachte Theorie von Mike Hemsworth, dem Schatzmeister der Society, zu diskutieren. Dieser setzte zur erneuten Erklärung an.
„Also, wir wissen nicht viel über schwarze Löcher, richtig?“
„Richtig.“ stimmten mehrere am Tisch zu.
„Wir können aber mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass Gravitation Raum und Zeit beeinflusst. Daher kommt es im Einflussbereich schwarzer Löcher zu Phänomenen, die die Raumzeit betreffen.“
Jeff, der zu spät Gekommene, zeigte mit einem Finger auf das Papier, das in der Mitte des Tisches lag. „Das in der Mitte ist also das schwarze Loch, ja?“
„Genau!“, antwortete Mike. „Vielleicht ist es ja auch ein Wurmloch. Die existieren aber nur rein theoretisch und sind so gesehen auch nur eine besondere Abart schwarzer Löcher. Sie krümmen den Raum derart, das zwei sehr weit voneinander liegende Orte sich scheinbar sehr nah sind. Der ganze Platz zwischen diesen beiden Orten wird quasi gestaucht.“
„Komm zum Punkt!“ meinte Selma, die anwesende Frau (und das einzige weibliche Mitglied des Vereins).
„Jetzt wird es komplizierter! Zunächst mal wissen wir ja gar nicht, ob nur zwei Orte durch so ein Objekt miteinander verbunden werden. Vielleicht sind es hunderte, tausende oder sogar alle Orte des Universums, die an solchen Punkten zusammenlaufen!“ Jeff stand die Begeisterung über seine Idee ins Gesicht geschrieben. Zur Belohnung für diesen ersten Teil seiner Erklärung leerte er seinen Bierkrug und bestellte mit einer eindeutigen Handbewegung einen weiteren beim Kellner.
„Okay.“, meinte Jeff. „Als Theorie kann man das erst mal so hinnehmen. In Deiner E-Mail hast Du aber was von Zeitlinien geschrieben. Sind das diese einzelnen Strahlen, die auf Deiner Skizze zum schwarzen Loch hinführen?“. Der Kellner brachte den neuen Krug Bier, Mike schob ihn in Jeffs Richtung. „Noch eins?“ fragte der Angestellte des Pubs. Jeff quittierte die Frage mit einem eindeutigen Nicken.
„Exakt, Jeff!“ Mike fuchtelte mit seinen Fingern, die vermutlich seine Erläuterungen verdeutlichen sollten. „Gravitation hat nicht nur Einfluss auf den Raum, sondern auch auf die Zeit selbst. In der Nähe großer Massen vergeht die Zeit langsamer. Das erklärt nicht nur, warum die Ehe mit Deiner Frau Dir so ewig vorkommt, Carl, das ist Kern vieler Theorien über Raumfahrt bei hohen Geschwindigkeiten.“
Carls Mittelfinger hatte einen kleinen Auftritt, dann fragte Selma „Wieso hohe Geschwindigkeiten?“
„Das Äquivalenzprinzip nach Einstein trifft die Aussage, dass Gravitation und Beschleunigung die gleiche Auswirkungen auf die Zeit haben. Je schneller Du Dich selbst bewegst, desto langsamer vergeht für Dich die Zeit in Relation zu jemandem, der sich langsamer oder gar nicht bewegt. Ihr kennt doch die Geschichte von dem Raumfahrer, der seinen bei der Abreise noch jungen Bruder nach einem mehrmonatigen Trip bei annähernder Lichtgeschwindigkeit besucht und einen alten Greis vorfindet?“
„Du solltest mal andere Geschichten lesen, Mike.“ kommentierte Carl.
„Wie auch immer. Dieser Umstand ist gar nicht zentraler Gegenstand meiner Theorie. Wenn also, so ein schwarzes Loch oder Wurmloch mehrere Orte des Universums an einem Punkt zusammenführt, wieso dann nicht auch verschiedene Zeiten?“ Mike blickte fragend in die Runde.
„Weil…“ Jeff ließ seine Gedanken schweifen. „…weil Zeitreisen in die Zukunft durch Einsteins Theorie gegeben sind, da sie einfach nur einen unterschiedlich schnellen Verlauf der Zeit für den jeweiligen Betrachter bedeuten. Das klappt. Zeit geht immer nur in eine Richtung. Unterschiedlich schnell, aber niemals zurück.“
Mike nickte und stieß mit Jeff an. „Ich gebe Dir vollkommen recht!“
„Was ist also Dein Punkt, Mike?“ fragte Jeff.
„Wenn das Wurmloch, oder schwarze Loch…ihr wisst schon… DAS DING die Zeit krümmt, könnte es selbst an mehreren, vielleicht unendlich vielen Zeitpunkten existieren.“
Jeff fasste sich nachdenklich ans Kinn. „Du meinst also: Puff, da ist ein schwarzes Loch. Es entsteht aber nicht nur hier und jetzt, sondern z.B. auch letzte Woche, vor einem Jahr und zu Zeiten der Dinosaurier?“
Mike nickte. „Der Zeitpunkt der Entstehung ist natürlich ein großes Fragezeichen. Wie kann etwas zeitübergreifend entstehen, ohne dass es hierdurch schon immer da gewesen sein müsste? Das Phänomen kennen wir aber auch durch Theorien zum Urknall, der als Geburt der Zeit überhaupt gedeutet wird. Vorher gab es Zeit einfach nicht. Schwer zu verstehen, aber auch nicht schwerer als den Gedanken, dass es so etwas wie die Zeit schon immer gegeben haben muss und dass sie niemals einen Anfang hatte.“
Der Kellner näherte sich der illustren Runde. „Ihr habt noch ne halbe Stunde, dann machen wir zu.“ Die Ankündigung des baldigen Rauswurfs wurde durch verschiedene Gesten der Vereinsmitglieder bestätigt.
Mike setzte zum Finale an. „Mal angenommen also, das schwarze Loch existiert beispielsweise auch an einem Zeitpunkt der Vergangenheit und katapultiert Fragmente dieser Zeit in einen willkürlichen anderen Zeitstrahl, auf den es ebenfalls Einfluss hat…“
Selma ergriff das Wort. „…dann könnte es die Phänomene vor ein paar Wochen erklären. Die Geister und komischen Gebilde, die überall für einen Moment aufgetaucht und wieder verschwunden sind? Na, das würde die Kirchen und Religionsoberhäupter dieser Welt aber nicht freuen, wenn es dafür wissenschaftlich nachvollziehbare Gründe gäbe.“
„Ich gebe zu, meine Theorie hat ihre Schwachpunkte.“, seufzte Mike. „Die Theorie zu Wurmlöchern besagt, dass sie kollabieren, sobald sie in Kontakt mit einem Teilchen kommen. Objekte aus der Vergangenheit hierher zu transportieren ist also eine durchaus gewagte Idee.“
Jeff schob seinen Bierkrug beiseite und lehnte sich nach vorn. „Nun ja, aber wir streiten bis heute darüber, ob Licht aus Wellen oder Teilchen besteht. Wir wissen, vermutlich ist es keins von beidem und für diesen Fall haben wir die Quantentheorie. Vielleicht werden also gar keine Objekte zwischen verschiedenen Zeiten hin- und herteleportiert, sondern einfach nur Licht. Die Geister, die viele Menschen und glücklicherweise auch Kameras vor ein paar Wochen gesehen haben, könnten also lediglich Abbilder aus der Vergangenheit sein. Keine Ahnung, ob Dein Wurmloch das kann, aber wer weiß? Deine Idee von einer Zeit-Fatamorgana widerspricht den etablierten Theorien aber meiner Meinung nach nicht. Zugegeben, es ist eine Theorie zu einer Theorie…“ Jeff holte tief Luft. „Aber es ist das Sinnvollste, dass ich in Zusammenhang mit diesen Vorfällen gehört habe. Ich werde das morgen mit meinen Kollegen an der Uni besprechen.“
An diesem Abend war Mike Hemsworth ein stolzer Mann. Er hatte das einzige akademische Mitglied seines Vereins mit einer gewagten Theorie zu den Ereignissen vor ein paar Wochen beeindruckt und würde, wenn alles gut ginge, diesen Ruhm noch eine Weile genießen können.
Gemeinsam mit den anderen Vereinsmitgliedern verließ Mike das Bear Inn, man verabschiedete sich und er machte sich zu Fuß auf den Heimweg.
In der Nacht auf den 9. Oktober 2029, gegen 01:45 Uhr wurde Mike Hemsworth von einem Taxi, dass ihn an einer schlecht beleuchteten Kreuzung unweit seiner Wohnung in Oxford übersehen hatte, überfahren. Er war sofort tot.
